Willkommen! Jetzt Anmelden oder über die Registrierung informieren.
Amigos - Jan Heitmann und George Danzer

Eine WSOP-Hand und der Split Move revisited – Vorsicht: lang!

Von Jan Heitmann, 30.11.2007, 4764 Aufrufe, 217 Kommentare | Kommentar hinzufügen

Hallo alle zusammen,  

 

eine der Schlüsselhände aus dem diesjährigen 2500 6er NLHE Turnier bei der WSOP eignet sich recht gut, um einige Besonderheiten aufzuzeigen.

 

Folgende Situation:

6 Handed No Limit Holdem, nach dem Dinner Break. Ich werde an einen neuen Tisch versetzt. Hier gibt es zwei große Stacks und einige mittlere. Ich sitze auf Platz 2. Hinter mir sitzt Dave Colclough mit einem großen Stack, dann ein mittlerer Stack auf Platz 4, ein Alter Spieler mit Average auf Platz 5 und ein relativ kleiner Stack auf Platz 6. 

Platz 1, ein junger Amerikaner, hat den größten Stack am Tisch, ca. 70.000 Chips. 

Ich selbst habe mit ca. 35.000 Chips auch weit über Average. Leider verliere ich einen Coinflip gegen einen Shortie und habe bald nur noch ca. 25.000.

In den ersten paar Runden des Levels schaue ich mir den Tisch an und spiele (außer dem Coinflip) kaum eine Hand. Es kristallisiert sich schnell ein immer wiederkehrendes Setzmuster heraus: der Alte limpt in den Pot, Platz 1 ist dann entweder im Cutoff oder auf dem Button und erhöht, alle anderen folden, der Alte bezahlt. Auf dem Flop checkfolded der Alte viel zu oft. Und Platz 1 klaut sich so recht viele Chips zusammen.Klar. Platz 1 sucht sich den Alten als Opfer aus, isoliert ihn und sammelt ohne viel Risiko immer mittelgroße Pots ein. Der Alte unterstützt ihn nach Kräften, unter anderem dadurch, dass er immer anspielt, wenn er den Flop mal getroffen hat und somit Platz 1 die Kontinuation-Bet sparen kann.

Mir fällt aber auf, dass Platz 1 in 100 Prozent der Fälle diese Gelegenheiten nutzt. Ich sehe dieses Muster 7-8 Mal in kurzer Zeit. Was sagt das über den Spieler auf Platz 1 aus? Er ist nicht nur gut, sondern sehr gut. Ein guter Spieler würde diese Gelegenheiten oft ausnützen. Ein sehr guter nützt sie immer. Auch, wenn der Alte selber raised. Entweder mit einem Call in Position, oder mit einem Reraise. Platz 1 sieht auch ein, dass wir alle (Ausnahme: der Alte) wissen, dass er nicht immer eine Hand hat. Aber diese Situation ist fast unangreifbar. Von den Stack Sizes her ist es für alle anderen Spieler sehr schwierig, eine Konter-Strategie zu finden. Ein Rereraise z.B. committed zu viele Chips. Dazu braucht man eine starke Hand oder sehr große Eier. Und die Gefahr besteht, dass der Alte ODER Platz 1 ja auch mal eine Hand haben können. Sehr riskant. Platz 1 weiß das und nutzt es gnadenlos aus. Er muss also mindestens gut sein, wahrscheinlich sehr gut.

Jetzt kommt folgende Situation: 

Blinds 200-400. Ich bin in der Small Blind. Alle folden zum Button (Platz 1) und er erhöht (natürlich) auf 1200. Ich finde in der Small Blind und reraise auf 4000. Dave folded, Platz 1 bezahlt. Ca. 9000 im Pot, ich habe noch ca. 20.000, er hat mich gut gecovert. Mein Reraise ist klar, sein Call eigentlich auch. Ich schätze seine Range noch als recht weit ein. Er hat Position, ne Menge Chips, und möchte sicherlich auch einfach klarmachen, dass man nur mit einem Reraise noch keinen Druck auf ihn ausüben kann, sondern sich immer in Gefahr begibt, um den ganzen Stack zu spielen.

Der Flop kommt

Kein idealer Flop für mich. Die Frage ist jetzt, wie spiele ich weiter? Wie sieht mein Gegner meine Range? Problem: Auf diesem Flop wird er mich sehr oft einmal callen. Oft, weil er ein As hat, oft mit Draws oder sogar einem Buben, oft nur, um mich zu floaten und zu sehen, ob ich den Turn pushe. Aber er muss auch immer Angst haben, dass ich diesen Flop gut getroffen habe, mit einer legitimen Reraise-Hand eben. AA, AK, AQ, KhQh, JJ könnten ihn hier durchaus trappen. Daher checke ich.

Er checkt dahinter. Jetzt hat er höchstwahrscheinlich nicht voll getroffen. AJ oder ein set muss er hier anspielen, damit möglichst jetzt das Geld reinkommt. Scare Cards sind schlecht für ihn. Entweder sie haben mich getroffen, oder sie verhindern, dass ich noch viel verliere.

 

Der Turn bringt die , ein Blank.

 

Jetzt überlege ich, wie ich den Wert meiner Hand maximiere. Wenn mein Gegner hier den Flop hinterhercheckt, dann hat er wie gesagt in den seltensten Fällen voll getroffen. Vielleicht hat er aber ein kleines As. Höchstwahrscheinlich aber hat er immer noch nicht viel. 

Ich checke, mit der Intention zu pushen, wenn er anspielt. Er spielt 5000 an. Perfekt. Ich pushe mit 20.000.

Das ist an dieser Stelle ein Split-Move.

Ich weiss nicht, ob ich die beste Hand halte und mich nur gegen viele Outs verteidigen muss, oder ob ich eine bessere Hand rausbluffen muss, oder ob der Push sogar ein Value-Push ist, weil mich eine schlechtere Hand (pocket pair, ein J, ein Draw) noch bezahlt. Möglich ist hier alles. Die Wahrscheinlichkeiten für die jeweiligen Situationen hängt sehr stark vom Spiellevel meines Gegners ab. In meiner Einschätzung lag in dem Push insgesamt jedoch eine Menge Value. Nur weiss ich nicht genau, wie sich dieser Value zusammensetzt.  

Je nachdem wie gut mein Gegner nun exakt ist, und je nachdem wie gut er mich einschätzt, wirft er hier eine etwas bessere Hand, also ein As mit schlechtem Kicker, noch weg. Ein guter, aber nicht excellenter Spieler denkt so: ein  Andererseits kann er auch noch mit einer schlechteren Hand bezahlen.

Welche Infos habe ich über meinen Gegner? Er ist aggressiv, soviel ist unbestritten. Er spielt sehr viele Hände, klaut in den richtigen Situationen und will mit seinem großen Stack Druck machen und den Tisch dominieren.

Aber ich weiß auch, dass er gut, wahrscheinlich sogar sehr gut spielt. Er erkennt Turniersituationen, wo er aufgrund der Stack-Size und der Tisch-Konstellation viele Chips sammeln kann.

Der entscheidende Faktor hier ist aber nicht, was ich von meinem Gegner denke. Sondern eher, was er von mir denkt. Warum pushe ich hier? Habe ich eine starke Hand? Pushe ich hier auch mit einem schwachen As (AQ, AT oder kleiner)? Sieht er mich als so stark (oder so schwach), dass ich hier bluffe? Oder einen Draw auf dem Turn pushe? Wenn er mir den Draw gibt, called er dann mit einer schwachen Hand, wie z.B. einem Paar Achter? Oder behält er lieber die 15.000 Chips um seine starke Chipposition am Tisch nicht zu gefährden?

 Ihr seht, der Push hat gegen bestimmte Gegner einen großen Wert. Aber selbst, wenn man nicht sicher sein kann, welchen Typ Gegner man genau vor sich hat, kann der Split Move eine Art paradoxen Wert haben.

 

Der Split Move ist deswegen so interessant und so schwierig zu analysieren, weil er scheinbar auf einem Paradox aufbaut. Man kann nicht gleichzeitig hoffen, dass der Gegner eine bessere Hand wegwirft aber trotzdem auch mit einer schlechteren Hand bezahlt. So eine Schnittmenge widerspricht der Logik. Das ist auch richtig. Derselbe Gegner, oder besser Gegnertyp würde so nicht handeln. Aber wenn man sich nicht hundertprozentig sicher ist, auf welchem Level der Gegner denkt, und wie der Gegner über unser Level denkt, dann kann der Split Move Sinn machen.

In meinem Beispiel hat Platz 1 dann, nach langer, langer Überlegung, bezahlt. Er sagt "Call" und selbst in diesem Moment wusste ich noch nicht, ob er jetzt ein As umdreht und ich somit nur 2 outs habe. Ich habe die Damen zuerst umgedreht. Er klopft auf den Tisch und sagt: "Wow. Nice Hand." bevor er seine zeigt: 6s für bottom pair, no kicker, no draw. 5 outs, ca. 10%.

Dieser call hätte sicherlich einige Leute überrascht, wenn man die Hand einfach nur erzählt. Gut, mein Push hätte die gleichen Leute auch sehr verwundert. Ich habe ein paar Stunden später mit Platz 1 über diese Hand gesprochen. Erstmal stellte sich heraus, dass es Alan Sass war, einer der jungen Toptalente der letzten Zeit. Und dann hat er mir seine Analyse der Hand gegeben: Mein Reraise vor dem Flop war zu erwarten, da er den Tisch ziemlich tyranniesiert hatte. Ihm war klar, dass er auch mal ein reraise bekommen könnte. Meine Range zu dem Zeitpunkt ist noch recht weit und er hat eine spielbare Hand mit 5s. Auf dem Flop ist sein Check auch klar. Er kann sich nicht sicher sein, dass ich ihn nicht trappen möchte, er hat noch outs, etc. Mein Turn-check hat er als weak interpretiert. Jedes As müsste ich jetzt anspielen, um nicht noch eine freie Karte zu geben. Er dachte, ich wollte den Pot aufgeben. Er spielt an, um seine Hand gegen outs zu schützen, oder evtl auch Hände wie KK-99 rauszubluffen.

Als ich pushe musste er natürlich überlegen. Da er mir aber das As nicht gibt, und er nicht dachte, dass ich gut genug sei KK oder QQ oder einen J zu pushen, blieben als Hauptmöglichkeiten Draws oder reine Bluffs übrig. Also bezahlt er.

Das ist ein sehr, sehr starker Call. Gute Analyse gepaart mit viel Mut und Risikobereitschaft. Denn gegen einen Draw ist er zwar Favorit, aber auch nur ca. 70-30. Und er kann sich nicht sicher sein, dass er nicht schon weit hinten ist. Viele gute, aber nicht exzellente Spieler bezahlen dann trotzdem nicht, weil sie lieber die Chips behalten wollen. Alan hat aber schon einige hochdotierte Turniere erfolgreich gespielt und weiss, dass er solche Situationen nutzen muss, wenn er denkt, hier Favorit zu sein. Starker Call.

Gegen diesen Gegnertyp ist der Push mit Damen natürlich bärenstark (wenn ich mal kurz alle Bescheidenheit fallenlassen darf). Aber der Wert des Pushs setzt sich eben nicht nur aus dieser Konstellation zusammen, sondern auch aus den Fällen, wo der Gegner ein bisschen schlechter analysiert und die etwas bessere Hand (kleines As) noch wegwirft. Und wenn ich ganz ehrlich bin, hatte ich zwar ein starkes Gefühl, dass hier ein Value-Push gut ist, aber 100%ig sicher war ich mir erst, als ich seine Hand gesehen habe.

 

Ich hoffe, der lange Beitrag verwirrt nicht zu sehr. Der Split Move ist eben eins der etwas unzugänglicheren Konzepte, weil er scheinbar ein Paradox zu Grunde legt. Aber die Möglichkeit für einen Split Move kommt relativ häufig vor.

LG, Jan.

 

PS: Ich habe das Gespräch mit Alan übrigens einige Stunden später geführt, während der Bubble, als er noch im Turnier war. Mich hat’s in obig beschriebener Hand erwischt. Denn der River war leider eine 5. Alan wurde 3. in diesem Turnier.


 

Bookmark and Share

Hinweis: Die IntelliPoker-Redaktion ist für den Inhalt der Blogeinträge nicht verantwortlich. Diese geben ausschließlich die Meinungen und Auffassungen der jeweiligen Blog-Autoren wieder.

AC PROMOTIONS FORUM QUIZ212
© Copyright 2007-2010 Rational Instruction Services, Ltd. Alle Rechte vorbehalten.
 Impressum |   Nutzungsbedingungen |   Datenschutz 
IntelliPoker EPT APPT LAPT